Montag, 2. September 2013

Von Sommer-Hochs und kalten Duschen

Hallo Schachfreunde =)
eine ganze Weile ist vergangen, seit ich meinen letzten Beitrag verfasst habe. Ich habe dieses Jahr viel gespielt und das nicht ohne Erfolg, stieg das Rating doch beträchtlich. In den letzten 48 Turnierpartien musste ich lediglich 3 Niederlagen quittieren - alle gegen GMs- jedoch 30 Siege verbuchen. Im Folgenden werde ich ein paar Partien von diversen Open präsentieren:

Im Juli fand in Bonn die 17.Auflage des alljährlichen Godesburg-Opens statt. Leider war es, verglichen mit den letzten Jahren, ziemlich schwach besetzt. Das Favoritenfeld bildeten 2 GMs und 2 IMs. Nach 9 Runden siegte etwas überraschend der über 80 Jahre alte FM Jefim Rotstein, der damit den Titelgewinn in den Händen seiner Familie verbleiben lässt, siegte letztes Jahr doch sein Sohn GM A. Rotstein. Ich spielte gegen 8 nominell schwächere Gegner und den nachmaligen Turniersieger. Am Ende sprangen 5 Siege bei 4 Remisen heraus. Die Eröffnungsphase nahm in einigen Partien einen interessanten Verlauf, jedoch werde ich diese Allgemeingüter an dieser Stelle nicht rezitieren sondern auf eine interessante Partie aus Runde 6 eingehen, meinen einzigen Schwarzsieg aus 5 Partien:

Mittmann- Winterberg:

1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Dc7  durch diese Zugfolge kann Schwarz die Sweschnikow-Variante vermeiden und trotzdem das angestrebte Taimanov-Paulsen-System erreichen.  5.Sc3 e6 6.Le3 a6 7.Dd2 Sf6 8.f3?! Dieser Zug ist nicht der beste und sollte zu befriedigendem Spiel für Schwarz führen. Weiß war um die Sicherheit seines e-Bauern besorgt, dennoch wäre 8.0-0-0 die Hauptvariante, die in den letzten Jahren ein gutes Ansehen genießt und als gefährlichste Variante gegen den schwarzen Aufbau gilt.  8...Lb4 wie in der Hauptvariante. Leider konnte ich mich nicht erinnern, wie die Empfehlung nach dem zahmen 8. Zug von Weiß lautete. Bessere Option waren wohl 8...b5 und vor allem 8...Se5.  9.g4 Weiß baut sich auf wie im Englischen Angriff, der allerdings gegen das Paulsen-System nicht so gefährlich ist wie z.B. gegen Najdorf. Der Grund ist einfach: Schwarz hat sich noch nicht mit d6 festgelegt, kann also d5 in einem Zug spielen und sich ein Tempo sparen, was in derart scharfen Varianten nicht unbedeutend ist. 9...Sxd4!? 10.Dxd4 Ld6 11.0-0-0 Le5 12.Db4 Auf den ersten Blick scheint Weiß eine starke Initiative zu haben. Seine Figuren stehen aktiv und er hat Entwicklungsvorsprung, während der schwarze König im Zentrum sitzt und die Rochade ihm verwehrt wird. Natürlich ist die Lage ganz und gar nicht klar. Schwarz steht sehr flexibel und solide, ein scharfer Kampf zeichnet sich ab. 12...b5 13.Lc5?? Ein schrecklicher Fehler, zunächst befürchtete ich 13.Se2 doch kann sich Schwarz mit 12...Lb7! behaupten, da nun 13.f4 an 13...Lxe4 mit Doppelangriff auf c2 und h1 scheitern würde.  Der fehlerhafte Zug 13. Lc5?? wird im Folgenden auf typische Weise taktisch widerlegt. 13...a5 14. Dxb5 Tb8 15.Dc4 La6! vielleicht war es dieser Zug, der dem Anziehenden entging.


16.Dxa6 Dxc5 Für nur einen Bauern hat Schwarz nicht nur in der Entwicklung aufgeholt, sondern auch eine brandgefährliche Initiative erlangt. Das Bild hat sich komplett gewandelt, plötzlich stehen die weißen Figuren alle schlecht, während Schwarz über große Aktivität verfügt. Majestätisch thront der Läufer auf e5. 17.Sb5 0-0 18. Dxa5  Weiß nimmt den Bauern angesichts der sich nun öffnenden a-Linie sicherlich nicht aus Fressgier, sondern um seine Dame zu retten, es drohte bereits 18...Ta8-+.
18...d5!? Es fällt schwer diesen Zug zu kommentieren, natürlich hätte ich den a-Bauern gewinnen können, doch sah ich nicht, wie es konkret weitergehen soll und entschloss mich daher den Druck erst zu verstärken. Stärker war allerdings das triviale 18...Tfc8!, ich übersah, dass 19.c3 wegen 19...Ta8 die Dame verliert.



19.g5 De3+ Die Pointe besteht in 20.Dd2 Dxf3, was Lf4 droht. Stattdessen folgte 20.Kb1 Dxf3 21.Le2?? ein Blackout, aber am enormen schwarzen Vorteil war ohnehin nicht zu rütteln. 21...Dxe2 22.gxf6 Txb5 0-1

Eine kurze Partie, die trotzdem nicht einfach war und spannende Momente beinhaltete. Mit 7/9 lief ich am Ende als 3. über die Ziellinie. Mit dem Spiel war ich im Allgemeinen recht zufrieden, lediglich das Schwarzspiel, bzw. die vielen Remise gegen nominell teilweise deutlich schwächere, störten mich.


Gestern ging das Wochenendturnier in Eschborn zu Ende, es war zwar etwas stärker besetzt als das Godesburg Open, aber wirklich viele starke Spieler fanden nicht den Weg in die kleine Stadt nahe Frankfurt. Der Turniersaal war geräumig und die Spielbedingungen gut, lediglich die Organisation war verbesserungswürdig. Nach 5 Runden siegte mit 5/5 der an 1 gesetzte, sympathische GM Kunin, der am letzten Tag beide seiner GM-Kollegen schlug, zuerst GM Schmittdiel mit Schwarz und dann noch GM Ninov mit Weiß in einer Angriffspartie. Eine Leistung die Respekt verdient!
Ich spielte gegen 4 nominell schwächere Gegner und gegen GM Ninov. Als ich nach 3 Runden bereits zweimal Schwarz hatte, trat ich wohlgemut die Heimreise an, der Annahme sicher, in Runde 4 mit Weiß gegen einen Titelträger zu spielen. Bei meinem Glück lief es natürlich anders und ich bekam erneut Schwarz, und das gegen einen GM. Ich bereitete mich ein wenig auf GM Ninovs Interpretation diverser Eröffnungen vor und entschied mich für ein zuverlässiges System, glich problemlos aus und ließ nichts anbrennen. Remis kurz nach der Zeitkontrolle. Nach all den Unbilden, die ich in Begegnungen gegen GMs bisher über mich ergehen lassen musste, endlich mal ein Lichtblick. In Runde 5 wurde ich gegen einen Spieler gelost, der schwer einzuschätzen war. Elolos und keine DWZ mehr habend, startete er lediglich mit einem schweizer Rating. Jedoch hatte er 2200er auf dem Kieker, schlug er in Runde 4 einen solchen, während er in Runde 3 mit Schwarz Remis gegen einen gestandenen FM schaffte. Gegen mich war er friedlich gestimmt, versuchte die Stellung so gut es geht zu schließen, was ihm trotz seiner altindischen Eröffnug nicht gelang. Das frühe Remisgebot im 13. Zug habe ich selbstverständlich überhört. Am Ende wurde ich aber dann doch nur 4. und das trotz guter Punkteausbeute von 4,5/5. Das Podium erklommen GM Kunin (1.), IM Lobzhanidze (2.) und FM Uwira (3.). Trotz der guten Ergebnisse war ich in diesem Turnier nicht zufrieden mit meinem Spiel. Viele Ungenauigkeiten und schlechte Entscheidungen in wichtigen Momenten schaffen keinen Grund zu übermäßiger Freude, im Gegensatz zu dem Ratingplus =)

Präsentieren möchte ich eine interessante Partie aus Runde 3, die trotz, oder gerade wegen, der vielen Fehler, spannend war.

Peschel.- Winterberg

1.d4 g6 2.c4 Lg7 3.Sc3 c5 4.d5 Lxc3+!? 5.bxc3 f5 Bereits nach fünf Zügen zeichnet sich ein zweischneidiger Kampf ab. Natürlich ist es nicht jedermanns Ding den schönen Fianchettoläufer sofort gegen einen Springer zu tauschen.  6.Da4 und schon war ich "out of book". Viele Züge habe ich in dieser Stellung schon gesehen, nicht aber diesen, den mein Gegner ad hoc spielte. 6...Db6 7.g4 Dieser Zug ist im 6. Zug möglich und stellt eine extrem gewalttätige Alternative zur Hauptvariante 6.e4 dar. 7...fxg4 8.h3 g3 Natürlich verspüre ich kein sonderliches Interesse an Linienöffnung und gebe den Bauern lieber gleich wieder zurück. Inwiefern der Einschub der Züge Da4 und Db6 die Stellungsbewertung verändert, bzw. zu wessen Vorteil besagter Einschub ist, mag ich nicht zu beurteilen. Mir erscheint es, als wäre Db6 natürlicher als das gekünstelte Da4. 9...Da6 geleitet von der Annahme, dass die strukturellen Schwächen des Weißen im damenlosen Mittelspiel stärker ins Gewicht fallen. Klar ist in dieser Stellung aber überhaupt nichts. 10. Dxa6 ich erwartete Db3. 10...Sxa6 11.e4 e5!? zwingt Weiß sich zu offenbaren. 12.Lg5 h6 13.Le3 Sf6 14.Lg2 d6 15.Se2 g5 16.Kd2! richtig gespielt, der König gehört nach d3. 16...Ke7 17.h4?! ein schwacher Zug, nach dem die weißen Figuren jedeweder Aktivität beraubt werden, ich rechnete mit 17.g4 und der Idee Sg3-Sf5.
17...g4 18.Thb1 Tb8 19. a4 Sc7 20.Tb2 b6 21. Kd3 Ld7 22.Sc1 Le8 23.a5 entschließt sich aktiv zu spielen, wenn Weiß stillhält bin ich mir nicht sicher, ob Schwarz Fortschritte machen kann, selbst wenn er irgendwie b5 erreicht. 23...b5 24.cxb5 in dieser Stellung investierte ich den Großteil meines sehr soliden Zeitvorsprungs und setzte mit 24...c4+? taktisch inkorrekt fort.


Falls nun Ke2 folgt, hängt in der Folge c3, Kxc4 ist natürlich wegen Lxb5+ völlig indiskutabel. Doch auch die Partiefortsetzung 25.Kc2? gibt Schwarz recht, indes hätte Schwarz nach 25.Kd2 Txb5 26.Txb5 Sxb5 27.Ta4! Probleme gehabt, da 27...Sxc3 28.Txc4 Sb5 29.Lxa7 für Weiß vorteilhaft ist.
Kehren wir zurück zur Partie: 25...Lg6! das war die Idee. 26.Lxa7 Txb5 27.Txb5 Sxb5 28.Lb6 Sxe4 29. Lxe4 Lxe4+ 30. Kd2 Lxd5 31.Tb1 Lc6 32.Sa2 Kd7 33.Tf1 Lf3 34.Tb1 Sc7 35.Tb4 Ld5! es galt zu erkennen, dass 35...d5? praktisch jeglicher Gewinnchance beraubt. 36.Ta4 Tf8 37.Sb4 La8 38.Sc2 d5 39.Se1 h5 40.Ke2? Ein Fehler in schwieriger Stellung. 40...Sb5 41.Kd2 Sd6 42.Tb4 Se4+ 43.Kc2 Sxg3 45.Le3 Sf5 46.Lg5 d4 47.Tb6 g3 48.Tf6 g2 und Weiß blies die Schamade, da er zu viel Material verliert. 0-1
Ich dachte, eine gute Partie gespielt zu haben, leider hat der Silikonkopf 24...c4+ widerlegt, was den Wert der Partie signifikant senkt.

Lassen wir uns abschließend auf die Überschrift eingehen. Bisher ging es vorwiegend um Sommer-Hochs, beschließen möchte ich den Beitrag mit einer kalten Dusche:

Winterberg- GM Starostits
1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.e3 Le6!? 4.Sf3 c6 5.Sg5??? Da5+ und 0-1 nach ein paar weiteren überflüssigen Zügen.

Allen Lesern wünsche ich einen schönen Herbstanfang.

Dienstag, 12. März 2013

Liebesgrüße aus Moskau

Hallo allerseits,
am Sonntag hatten wir unser vorletztes Mannschaftsspiel in dieser Saison. Unsere Spieler waren in guter Form und spielten wirklich stark auf, was zu einem - auch in dieser Höhe verdienten- 6,5-1,5 führte. Im Folgenden möchte ich auf meine Partie eingehen. Obwohl es so aussah, als ob Weiß recht mühelos gewann, war es eine hochkomplizierte Partie, in der Schwarz viele Möglichkeiten hatte, schwierige Abspiele heraufzubeschwören.
Winterberg-Michels, A.
1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sc3 Sf6 4.Sf3 e6 5.Lg5 Das ist der aggressivste Zug, der zu scharfem Spiel führt. Die ruhigere Alternative 5.e3 ist die andere Hauptvariante, die zwar ruhiger, aber auch perfekt spielbar ist.  5...h6 6.Lh4 g5 7.Lg3 dxc4 8.e4 b5 9.Le2 Dies ist die Grundstellung des Moskauer Gambits, eine der schwierigsten Eröffnungen unserer Zeit. Wenn Weiß sich das taktische Geplänkel nicht antun will, ist 6.Lxf6 eine seriöse Alternative, die jedoch zur Zeit eine kleine Krise erlebt, fehlt es nach aktuellem Stand doch an Ideen Vorteil zu erlangen. 9...Lb7 Der Hauptzug, seltener, aber nicht unbedingt schwächer ist 9...Sbd7 10.h4! Dieses aggressive Vorgehen ist Sokolovs Idee und ist im Laufe der Jahre zur Hauptvariante avanciert. 10...g4 11.Se5 h5 In dieser Stellung haben die Nachziehenden auch schon 11...Tg8!? probiert.  12.0-0 Lh6!? Ein sehr seltener Zug, zu welchem ich in meiner Datenbank lediglich 3 Partien finden konnte, was ich mir aber nicht wirklich erklären kann, schlecht kann dieser Zug nicht sein, dennoch greift alle Welt zu 12...Sbd7 mit einem Ozean an Theorie. 13. f3! N




  Dieser konsequente Zug stellt eine Neuerung dar und ist sicher nicht zu widerlegen. Abgesehen vom objektiven Wert, der Weiß einen Vorteil einräumen dürfte, ist es auch psychologisch gesehen eine sehr gute Entscheidung, wieso sonst sollte Schwarz 12...Lh6 spielen?! Ich bin mir fast sicher, dass mein Gegner die Möglichkeit 13.f3! gar nicht ernsthaft in Betracht gezogen, geschweige denn berechnet hat. Die nun entstehenden Komplikationen sind sehr interessant. 13...Le3+ Dies ist selbstverständlich der kritische Test, weshalb für 13.f3! auch eine halbe Stunde überlegte. Viele andere Züge als 13...Le3+ habe ich nicht berechnet, da ich davon ausging, dass dieser Zug aufgrund der Drohung fxg4 erzwungen ist. Sehr interessant war der Vorschlag des Silikonkopfes, der 13...Sd7 spielen will, worauf ich 14.Sxf7! geplant hatte. Nach 14...Le3+ 15.Kh1 Kxf7 16.fxg4 hxg4 17.e5 Kg7 18.exf6+ Sxf6 19.Lxg4 entsteht eine total wilde Stellung, die am Brett, zumal in der Vorausberechnung, kaum zu bewerten ist. Aber auch der Partiezug 13...Le3+ hat es in sich. 14.Kh1 b4?? und schon stolpert Schwarz. Es gab an dieser Stelle drei seriöse Alternativen: a) 14...Sd7 b) 14...Lxd4 und c) 14...Dxd4.
Bezüglich der Sd7-Variante, werde ich nun hauptsächlich Engine-Varianten widergeben, da ich diesen Zug nicht wirklich ernst nahm. 14...Sd7 15. Sxd7 Sxd7 16.d5! An dieser Stelle brach ich die Berechnung ab, doch die Lage ist noch nicht klar. 16...exd5 17.exd5 und nun zum Beispiel 17...Sc5 18.d6! Dd7 19.fxg4 0-0-0 20.g5! b4 21.Lxh5! Eine kranke Alternative nach 16.d5 fand übrigens meine Engine, die 16...Lf4!! vorschlägt und die Stellung für ausgeglichen hält.

 

  Aber seien wir ehrlich, wer soll sowas am Brett finden? :)

14...Lxd4 lässt sich hingegen ziemlich leicht widerlegen: 15. fxg4 Lxc3 (Auch 15...b4 wird taktisch zurückgewiesen) 16. Dxd8+ Kxd8 17.bxc3 Sxe4 18.Sxf7+ Ke7 19.Ld6+! +-

Schwierig einzuschätzen war dagegen 14...Dxd4, was mir einige Minuten meiner Bedenkzeit raubte. 15.fxg4 Sd7 Einziger Zug!  16.Sxf7! Kxf7 17.g5 Kg7 18.gxf6+ Sxf6 Weiß verfügt nun über drei interessante Züge, wovon ich allerdings nur einen sah. Geplant war 19.Dc2 ohne konkrete Varianten zu berechnen, fühlte ich, dass Weiß etwas haben muss, nach 19...e5! wäre die Auswahl jedoch begrenzt und das in dieser Partie typische Durcheinander entsteht wieder: 20.Tad1 Dc5 21. Tf5 Tae8 22. Td8!!



22...Txd8 23.Lxe5 Thf8 24.Lxf6+ Txf6 25.Txc5 Lxc5 26.Dc1 Tg6 27.Df4 Ld6 28.e5 Le7 29.Se4 mit Initiative. Dass ich all dies am Brett gefunden hätte, wage ich stärkstens zu bezweifeln. Jedoch gibt es zu 19. Dc2 noch zwei Alternativen, beide auf der Idee basierend, die Dame nach g3 zu überführen. In Frage kommen daher 19.Lh2 und 19.Lc7, der Übersichtlichkeit wegen möchte ich jedoch nur auf 19.Lc7 eingehen: 19...Taf8 Der beste Zug, auch andere Züge führen zu weißem Vorteil 20.De1 Sg4 21.Txf8 Txf8 (Besser ist Kxf8) 22.Lxg4 hxg4  23.De2 +-

Bei diesen enormen Komplikationen verwundert es nicht, dass mein Gegner bei Ausführung des Zuges 14...b4?? bereits in Zeitnot abdriftete, wobei mir noch knapp 1,5 Stunden zur Verfügung standen.
Jetzt löst sich alles in Wohlgefallen auf, die schwarze Stellung ist verloren. 15.Sxc4! bxc3 16.bxc3! am einfachsten gespielt, wobei auch die beiden Alternativen durchaus respektabel sind.
16...De7 17.Sxe3?! Naja, "?!" ist vielleicht etwas zu hart, schließlich nimmt Weiß seine Figur zurück, behält den Mehrbauern und alle weiteren Trümpfe. Dennoch muss man zugeben, dass Critters Vorschlag 17.Tb1! bedeutend stärker ist. Schwarz könnte danach getrost in ein paar Zügen aufgeben. Der Partiezug 17.Sxe3 ist aber natürlich auch kein Fehler. 17...gxf3 18.Lxf3 Tg8 19.Lf4 Sg4 20.Sxg4?!  wiederum eine leichte Ungenauigkeit, stärker wirkt 20.Lxg4 hxg4 21.Lg5 Txg5 22.hxg5 Dxg5 23.Dxg4+-, aber auch der Partiezug hält den Gewinn fest. 20...hxg4 21.Lxg4 Dxh4+ 22.Lh3 Sd7 23.De2 0-0-0 24.Tab1 Sb6 25.Lh2 Tg7 26.a4 Th8 Auf 26...Sxa4 plante ich zunächst eine hübsche Kombi, fand jedoch auch  deren Widerlegung. Zunächst war 27.Da6 Lxa6 28.Txf7 geplant, doch dreht 28...De1+! den Spieß rum. Statt 27.Da6 gewinnt 27.Da2 natürlich leicht.
27.a5 Sc4 Ein letzter Trick 28.Txb7 Kxb7 29.Dxc4 Dxe4 30.Db4+ Ka8 31.Tb1  1-0

Eine sehr inhaltsreiche Partie, die von beiden Seiten kämpferisch angelegt wurde. Vielleicht ist das letzte Wort mit 12...Lh6 noch nicht gesprochen.


















Montag, 7. Januar 2013

Hallo liebe Schachfreunde,
zunächst wünsche ich euch ein frohes, erfolgreiches Jahr 2013. Seit meinem letzten Post ist leider einige Zeit vergangen, weshalb ich diesmal etwas mehr schreiben werde. Zunächst einmal kurz zu wichtigen Schachereignissen der vergangenen Monate: Ein gewisser V. Anand hat im letzten Jahr erfolgreich seinen Weltmeistertitel verteidigt. Frauen-Weltmeisterin wurde Anna Ushenina. Bemerkenswert ist außerdem, dass irgendein Norweger Kasparows Elo-Rekord übertroffen hat, aufgrund der schleichenden Elo-Inflation jedoch noch über 40 Punkte zulegen müsste, um den Tiger aus Baku wirklich zu übertreffen.

Nun zu meinem Turnierjahr: Beim RLP-Open lief es wenig spektakulär...naja, immerhin schaffte ich es, eine Stellung mit einem Vorteil von +10,88 ins Remis zu verderben. Ansonsten schlug ich aber die schwächeren Spieler und verlor gegen die stärkeren, gegen GM A.Vovk leider etwas unnötig nach gutem Spiel.

Im Sommer folgte dann das Karl-Mala-Gedächtnisturnier, wo wiederum nichts Spektuläres passierte. Ich verlor gegen GM Kunin und gab zwei Remisen ab. Endergebnis 5/7 und solides Ratingplus, nicht der große Wurf aber ganz passabel. Ähnlich friedlich verlief das Forchheim-Open: In diesem 5-rundigen Turnier spielte ich tatäschlich 4x Remis und gewann nur eine Grünfeldpartie, bei der ich allerdings bewusst eine sehr scharfe und riskante Variante wählte. 2 Remise gab ich gegen schwächere Gegner ab, eine dieser Partien hielt ich sogar mit Minusfigur remis. Die anderen beiden Remise gab ich gegen FMs ab. In Runde 2 mit Schwarz gegen den Vorjahressieger FM Golda, eine von beiden Seiten gut gespielte Partie, und ein Remis gegen den Youngster FM Mons. Dort stand ich nach der Eröffnung schon ziemlich mau, konnte ihn allerdings ordentlich bepfuschen und letztlich in ein haltbares Endspiel einlenken, Glück gehabt! Am Ende steht unter dem Strich ein minimales Ratingplus.

Im Herbst stand dann das Nibelungen Open in Worms an. Dort passierte einiges Unerwartetes: In Runde 1 schlug ich recht mühelos einen niedriger gerateten Gegner, in Runde 2 wurde es aber eine Zitterpartie gegen einen Gegner mit einer Elo von 2065. Mir wurde mal wieder klar, dass ich mit Schwarz sehr selten gewinne, sogar, wenn ich scharfe Eröffnungen wie den Drachen spiele. Schnell entstand eine strategische Stellung mit leicht besseren Aussichten für mich, aber =/+ ist halt etwas anderes als -+. Und so plätscherte die Partie so vor sich hin, ein Gewinn wurde zunehmends unwahrscheinlicher. Bis wir die Diagrammstellung erreichten:


  Hier schoss mir plötzlich eine Taktik durch den Kopf, die mir so gut gefiel, dass ich ganz in ihren Bann gezogen wurde, die Objektivität ging verloren, ich rechnete schlampig und spielte 1...Lc4+?, wonach Schwarz die Stellung womoglich halten kann, mehr aber auch nicht. 2.Lxc4 e4+ 3.Ke3! leider hab ich das zu spät gesehen. Die Zeitkontrolle war nun vorüber und ich konnte tief abtauchen, nach einem Remisweg nach 3...Kxc4 4.Kxe4 zu suchen. Ich rechnete sehr präzise und fand nach 20min. überlegen den einzigen richtigen Weg 4...Kxc3!, was zu einem Damenendspiel führt, in dem Weiß nur noch den h-Bauern und 10 Min. mehr auf der Uhr hat. Mein Remisgebot lehnte er selbstgefällig ab. Es ging lange Zeit hin und her, die Technik, eine solche Stellung zu verteidigen kannte ich zum Glück. Ich hatte später noch 2 min., er 12...und was war das Ende vom Lied? Richtig, ER überschritt die Zeit. Dass ich online viel Bullet spiele zahlt sich also doch aus :). An dieser Stelle möchte ich www.chesscube.com als Anregung an alle anführen, die kostenlos online spielen möchten.

In Runde 3 kam ich gegen einen Nachwuchsspieler leider nicht über ein Remis hinaus, in Runde 4 schlug ich dann aber einen Theoriehai mit Schwarz in ca. 20 Zügen mit einer ihm unbekannten Gambitvariante... sodass ich vor der letzten Runde ganz oben in der Tabelle stand, wieso ich dann runtergelost weiß ich auch heute noch nicht, es passt nicht wirklich zu dem Losverfahren, das bis dahin angewendet wurde. Egal, ich wurde mit Weiß gegen den starken, titellosen S.Mladenov gelost. Ausgerechnet in dieser wichtigen Partie nahm er Rache für die Niederlage, die ich ihm Jahre zuvor beim Godesburg Open erteilte. Obwohl er kränkelte gab er Einblicke in sein enormes Schachverständnis und schlug mich abseits theorethischer Hauptvarianten nach allen Regeln der Kunst. Was er mir bei der anschließenden Analyse alles präsentierte, zeigte mir erneut, dass er nicht die Stärke von 2400 hat. Ich kann mich nicht erinnern, mal so chancenlos verloren zu haben. An guten Tagen kann Svetlin locker mit 2600ern mithalten, leider spielt er sehr unkonstant und verliert manchmal sogar gegen 2000er. Somit wurde ich also recht weit nach unten durchgereicht. Ein enttäuschendes Ende eines bis dahin guten Turnieres.

Und schon sind wir im Jahr 2013: Schachfestival Basel!
Erstmal zu den Rahmenbedingungen: Hotels sind in der Schweiz schweineteuer, Doppelzimmer in einer Jugendherberge kosten 145 Euro pro Nacht,...ähm ja, ohne Kommentar! Somit übernachteten im deutschen Grenzort Lörrach. Das Hotel war  eine Bruchbude, nicht mal der Fernseher klappte, wie er sollte. Dass es kein Etagenklo gab, war gemessen an den sonstigen Umständenm, erstaunlich!

Vom Hotel zum Spielort waren es 20min. Fahrt. Ich war zu vor noch nie in der Schweiz, doch musste ich schnell feststellen, dass der Verkehr in der Schweiz anders ist, als der deutsche. OK, um die Vignette kamen wir herum, nicht aber um die Trams, die in Scharen durch die Cities brausen. Als Erkenntnis habe ich mitgenommen: Die Tram hat Vorfahrt! Vor allem! Für uns Deutsche war es jedenfalls recht befremdlich, dass auf und neben der Straße überall Gleise waren, das Organisationssystem des Verkehrs erschließt sich mir auch nicht völlig. Ein weiteres großes Problem war die Parkplatzsuche, auch diesbezüglich waren die Preise happig und wenig touristenfreundlich. Es gibt de facto keine kostenfreien Parkplätze! Auch mit der Sprache tat ich mich schwer, es kam mir vor, als sei ich mit einem regionalen Dialekt konfrontiert, der mich nicht geläufig ist. Auch der französische Sprachanteil war nicht zu überhören, und mein Französisch ist nicht gerade das beste...

OK, nun zum Turnier: Ich kannte so gut wie niemanden dort persönlich, so was ich doch froh, dass Svetlin und seine Freundin mitspielten. Vorweg, Svetlin zeigte wiederum Klasse und schlug GM Bartel, remisierte gegen GM Turov und verlor unglücklich gegen GM Melkumyan.  Am Ende siegte wie auch im Vorjahr GM Grachev, Zweiter wurde GM Vajda, 3. GM van Kampen. Überraschend ist das überragende Abschneiden der australischen WIM Guo, die ausschließlich Gegner mit einem Rating von 2300 oder mehr hatte, und bis zur letzten Runde die Bilanz von +1 =5 -0 aufwies, in der letzten Runde aber verlor. Dennoch, ein klasse Resultat für eine Spielerin mit Elo 2000. Der Verdacht liegt nahe, dass sie etwas in den Analysen ihres Freundes Hrant Melkumyan gestöbert hat. Anwärter auf die Gurke des Turniers ist Maxim Turov, den in aussichtsreicher Stellung gegen Robin van Kampen die Kombinationslust packte, was ihm zu einem Turmopfer bewegte,...er übersah jedoch einen Verteidigungszug und sah das Material nie wieder. Kurz darauf musste er aufgeben. Anwärter auf den Schönheitspreis sind die Partien Gavrilov-Istratescu, in der der Franzose mit ...Se3!! brillierte, sowie Maisuradze-Filipovic, in der die junge Französin den Veteranen mit Lxh7! bezwang.

Gavrilov-Istratescu:



Maisuradze-Filipovic:





Turov-van Kampen: (Stellung vor 33.Txd5??)









Ich durfte gleich in Runde 1 gegen den sympathischen GM Pelletier antreten, Elo 2604! Die Theorie ging mir überraschend leicht von der Hand, hatte ich mir die Variante doch schon länger nicht mehr angesehen. Er knöpfte mir dann aber recht schnell einen Bauern ab, und es entstand ein schwieriges Turmendspiel, welches wahrscheinlich nicht zu halten ist. Er demonstrierte großmeisterliche Technik und zwang mich im 70. Zug zur Aufgabe. In Runde 2 lief es nicht besser, ich verlor wiederum und war auch recht chancenlos gegen einen 20xxer. Wie das sein kann, keine Ahnung, ich will niemandem etwas unterstellen. In Runde 3 dann ein gefälliger Kurz-KO in 15 Zügen und weniger als 45 min.

Winterberg-Prill, G.
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.g3 La6 5.Dc2 c5 6.d5 d6? 7.dxe6 fxe6 8.Lh3 +/- Lc8 9.Sc3 Ld7 10.Sg5 Sc6 11.Lxe6 Sd4?? 12.Lf7+ Ke7 13. De4+!

13... Le6 14.Sd5+ Sxd5 15.cxd5 1-0


In Runde 4 wurde ich zum ersten Mal in meiner Schachlaufbahn im Sweschnikow geschlagen. Ich spielte gegen Werner Müller, derer gibt es leider 8, und ich hatte keine Ahnung, gegen welchen ich mich vorbereiten sollte, so entschied ich mich spontan am Brett für Sweschnikow, hatte aber schon vieles vergessen. Die Wahl war außerdem unglücklich, da mein Gegner sich ausgerechnet darauf vorbereitete. Er gestand mir nach der Partie geraten zu haben, was ich wohl spielen werde. Gute Wahl wie sich herausstellte, aber immerhin scheint mein vielfältiges Repertoire die Vorbereitung meiner Gegner zu erschweren. Leider weiß ich immer noch nicht, welcher Werner Müller mein Gegner war. Auf seinem Spielerkärtchen stand Natinoalität Schweiz und Elo 2100, was es aber laut FIDE nicht gibt. Es gibt entweder einen Deutschen mit 2100 oder einen Schweizer mit 2033. Jedenfalls hat er sich gut vorbereitet, stark gespielt und verdient gewonnen!

In Runde 5 traf ich auf eine hypermoderne Interpretation des Budapester Gambits. Ich ging auf Figurenjagd, reussierte und gewann schnell. In Runde 6 ergriff ich mit Schwarz schnell das Ruder, spielte sehr gut, bis ich mal wieder eine Schnapsidee hatte. Dennoch konnte ich gewinnen. IN der letzten Runde überspielte ich meinen Gegner doch ließ in gewonnener Stellung in Zeitnot im 39/40. meinen Gegner vom Haken und ließ ihn ins Remis entgleiten. Sehr ärgerlich sowas! Am Ende steht ein Ratingminus, obwohl ich mit der Spielweise an  für sich recht zufrieden bin. Naja, das nächste Turnier wird kommen, so hoffentlich auch der Erfolg.
Bis bald

Samstag, 2. Juni 2012

Haßlocher Schachtage 2012

Auch die zweite Etappe des Turniermarathons ist geschafft. Die Hasslocher Schachtage sind beendet, GM Shchekachev (schreibt man den so?!) siegte am Ende vor IM Chernov und GM Svetushkin. Sowohl mein Mannschaftskollege IM Boidman als auch ich erreichten am Ende 5/7. Während er auf Platz 10 einlief, wurde ich allerdings nur 14. Nebenbei sei noch bemerkt, dass ein gewisser Anand die WM-Krone verteidigen konnte.
Natürlich möchte ich auch wieder eine interessante Partie vorführen und derer gab es eigentlich reichlich. Ich entschied mich, ausnahmsweise mal 2 zum Preis von einer zu präsentieren. Die Schlüsselstellung der Partie gegen GM Ikonnikov möchte ich euch aber auch nicht  vorenthalten und verweise diesbezüglich auf meine facebook-Seite.
So,jetzt zur Sache: Nach meiner Niedelage in Runde 3 durfte ich in Runde 4 gegen einen etwas schwächeren Gegner spielen. Das tut allerdings nichts zur Sache, da er keine groben Fehler machte und schnell in Schwierigkeiten geriet, obwohl ich konsequent wider jedwegen Eröffnungsprinzipien agierte.

Winterberg-Haug
1.d4 d5 2.Sf3 e6 3.c4 c6 4.Sc3 Ld6 selten gespielt, häufiger ist erst Sf6. 5.e3 f5 6.Le2 Sd7 7.Dc2 Df6 8.b3 Se7 9.Lb2 0-0 Ok, sieht alles sehr unspektulär aus. Weiß wählte einen ruhigen Aufbau, steht vielleicht etwas besser, aber wo soll er angreifen? Am Brett fand ich einen sehr interessanten Plan, geleitet von der Idee, dass in Stonewall-Stellungen der Springer auf d3 sehr gut steht. Ob ich auf diese Idee auch gekommen wäre, wenn ich nicht eine Woche zuvor in Wunsiedel mit Schwarz gegen M.Bottema einen Stonewall (sogar mit Mehrtempo!) spielte, und schnell Probleme bekam, da der weiße Plan sehr überzeugte?! 10.a3!? a5 11.Sa2 Der Springertanz beginnt. 11...Sg6 Schwarz hadert nicht und will angreifen, aber das hinterlässt Schwächen. Die weiße Unterentwicklung war am besten mit 11...a4 zu bekämpfen. 12.Sc1 De7 13.h4! Auch das noch! Erst zeitraubende Umgruppierungen, (vorläufiger) Verzicht auf die Rochade und jetzt zieht der Randbauer...und das scheint völlig in Ordnung zu sein! 13...e5 hält aktiv dagegen, aber überlässt Weiß einen bedeutenden Vorteil. 14.h5 Sh8 15.dxe5 Sxe5 16.Dc3 Shf7 17.Sd3 Sxf3? Eine seltsame Entscheidung. Natürlich wäre 17...Sxd3+ der Zug der Stunde gewesen. Nach 18.Lxd3 Sh6 19.Kf1 wäre eine Stellung mit verteilten Chancen entstanden, wo viel passieren kann. 18.gxf3! Richtig entschieden. Viel wichtiger als die Bauernstruktur ist die Dynamik. Über die g-Linie wird der Schwarze viel Ungemach auf sich zukommen sehen.


18...Sh6 19.Tg1 Tf7 20.c5 Lc7 21.0-0-0 f4 Die beste praktische Chance. 22.Sxf4 Lxf4 23.sxf4 Sf5 24.Ld3 d4 25.Dc2 Kf8 hier war guter Rat bereits teuer. Egal was Schwarz macht, der weiße Angriff wird entscheidend sein. 26. Tde1 Dc7 27.Te5 Sh6 28.Lxh7 Txf4 29.Tge1 Ld7 30.Dd2 Txf3 31.Dxd4 Tf6 32.Te7 Td8 33.Txg7 Auch 33.Dh4 wäre nicht von schlechten Eltern gewesen. 33...Df4+ 34.Dxf4 Txf4 35.Tg6 Sg4 mit Remisgebot... was soll man bloß dazu sagen?! 26.Tg8+ Kf7 37.Txd8 Le6 38.Lg6+ 1-0
Auch im modernen Schach ist also noch Platz für kreatives Spiel in frühen Eröffnungsstadien.

Die nächste Partie stammt aus der sechsten Runde gegen einen Gegner mit knapp über 2100 Elo. Was mir an dieser Partie gefällt ist die konsequente und vorallem schnelle Verwertung kleiner Vorteile auf kombinatorischem Wege:
Hegermann-Winterberg:
1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Dc2 e6 5.Lg5 Sbd7 6.Lxf6 eine ungebräuchliche Fortsetzung. Schwarz sollte keinerlei Probleme haben. 6...Sxf6 7.e3 Ld6 8.Sc3 0-0 9.Td1 De7 10.Ld3 h6 11.0-0 b6 12.cxd5 cxd5 13.Tc1 Lb7 14.h3 Tfc8 15.Db1 a6! 16.a3 b5!

Auf dem Brett steht eine ruhige Stellung, die allerdings bereits etwas besser für Schwarz ist, da er am Damenflügel die Initiative besitzt. Weiß hat zwei Möglichkeiten diese zu bekämpfen. Entweder mit 17.b4 Sd7 18.Sd2 Sb6 19.Sb3 Sc4 20.Da2 e5!, was klar zu schwarzen Gunsten ist, oder aber mit der Partiefortsetzung 17.a4 b4! 18.Se2 Lc6 19.b3 Sd7 20.Tc2 Lb7 21.Tfc1 Txc2 22.Txc2? Und dies ist bereits ein ernster Fehler, der die Koordination der weißen Figuren nachhaltig stört. Es beginnen taktische Motive gesehen zu werden, die auf der Stärke des Läuferpaars und der Ungedecktheit der weißen Dame und des weißen Läufers beruhen. Genau deswegen war 22.Dxc2! der richtige Weg. Nach 22...a5 =/+ behielte Schwarz nur einen kleinen Vorteil. 22...e5! 23.dxe5 Sxe5 24.Sxe5 Dxe5 25.g3 d4! Der erste Hammerschlag.

26.e4! gut pariert. 26...Td8 27.Tc4 Lf8 28.Kh2 h5! Dieser Bauer wird auf h4 der Sargnagel werden... 29.f4 Df6 30.Dg1? ...und gerade deshalb war 30.h4 unbedingt notwendig, was es Schwarz nicht einfach gemacht hätte die Bastille zu stürmen, z.B. 30...Db6 31.Dc2 Td7=/+. 30...h4! Das Schachprogramm findet noch einen letzten Strohhalm, der allerdings keinem menschlichen Spieler gefallen würde: 31.gxh4 -/+ . Der Partiezug sieht zwar gesünder aus, verliert aber: 31.g4? Hier schoss mir plötzlich eine Taktik durch den Kopf. Gewinnt 31...Ld6 nicht? Auf 32.Df2 käme g5 33.Df3 gxf4 Ein amüsantes Bild. Schwarz hat Bauern auf b4,d4,f4,h4 während a4,c4,e4,g4 in weißer Hand sind. Schwarz hat sich etwas festgerannt auch wenn er mehr oder weniger problemlos gewinnen sollte. Aber wie heißt es? "Wenn du einen guten Zug gefunden hast, suche einen besseren". So kam es, dass ich mit 31...Lxe4! den zweiten Hammerschlag fand.


32.Lxe4 d3 33. Lxd3 werfen wir einen Blick auf die Alternativen: Sg3, Sd4 und Sc3 kommen sowieso nicht in Betracht, bleibt 33.Sc1 wonach Schwarz sowohl Dxf4+ als auch Db2+ spielen kann. Am besten ist wahrscheinlich 33...Dxf4+ 34. Kh1 (34. Kg2 Dg3+ -+) d2 35.Sd3 (35.Lh7+ Kxh7 36.Txf4 d1=D -+ bzw. 35.Se2 Dxe4-+) Txd3 mit Gewinn. Aber auch nach 33.Lxd3 behält Schwarz entscheidenden Vorteil, da nun der offene weiße König den eindringenden Schwerfiguren schutzlos ausgeliefert ist. 33...Txd3 34.Db1 Td2  35.Te4?! Txe2+! Aller guten Dinge sind drei. Der erste Hammer (25...d4!) wurde vom weißen gut weggesteckt, nach dem zweiten (31...Lxe4!) war er bereits stehend KO und dieser letzte Keulenhieb knipst endgültig die Lichter aus. 0-1.
Interessant hierbei war die Verknüpfung der Motive Läuferpaar, geschwächte Königsstellung und Keilbauer.

In Bälde wird schon der Bericht über das RLP-Open folgen.

Montag, 21. Mai 2012

Wunsiedel Schachfestival

Hallo liebe Schachfreunde,
während Anand und Gelfand sich derzeit in Moskau um die WM-Krone streiten (derzeit steht es 4:4), spielte ich das Wunsiedel Schachfestival als Beginn des anstehenden Turniermarathons. Freitag geht es nämlich schon wieder ab nach Haßloch, wenig später zum RLP-Open nach Altenkirchen.

Es lief recht durchwachsen für mich. An für sich bin ich zufrieden, doch übersah ich in 3 Partien einzügige Drohungen, bzw. Gewinnideen... wenn's einfach wird, wanke ich irgendwie immer. Sieger nach 7 Runden wurde der Bulgare GM Teterev vor dem Setzlistenersten GM Howell, der trotz ständiger Zeitknappheit sehr gutes und aktives Schach spielte. Dritter wurde der starke GM Miezis, welcher einen aktiven und pointierten Stil hegt und sich auch vor Materialopfern nicht scheut.


Ich holte lediglich 3,5 Punkte, wobei ich gegen die schwächeren Spieler für feurig scharfe Stellungen sorgte, gegen die Starken aber schlussendlich immer verlor, da ich es schlichtweg nicht über mich bringe, Remisstellungen zu remisieren, bzw. Gewinnstellungen zu gewinnen.

Präsentieren möchte ich die brisanteste Partie meiner bisherigen Laufbahn, in der es auf und ab ging. Abschließend gab es zur Freude aller Kiebitze eine Zeitnotschlacht vom Feinsten, die es in dieser Form wohl kein zweites Mal gibt.

IM Richter- Winterberg
1.d4 d5 2.c4 c6 3.cxd5 cxd5 4.Sf3 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Lf4 Lf5 7.e3 e6 8.Lb5 IM Richter spielt diese blutleere Eröffnung häufiger, wie ich bei der kurzen Vorbereitung feststellte. Sie hat einen Ruf als Remisvariante und in der Tat gewinnt Weiß auf GM-Niveau sehr selten. Dennoch habe ich, wenn ich mit Schwarz spiele immer den Eindruck, dass Weiß leichten Vorteil hat, während Schwarz eine für meinen Geschmack unangenehmere Stellung spielen muss. 8...Db6 9.0-0 Le7 10.De2 Tc8 11.Sa4 Da5 12.Tfc1 0-0 13.Sc5 a6! stark gespielt. Db6 konnte wegen 14.Lxc6 bxc6 15.Se5 +/= kaum beeindrucken. 14.Lxc6 Txc6 15.Se5 Tcc8 16.g4?! für meinen Geschmack etwas unpassend. Eine ruhige Eröffnung spielen und plötzlich solche Experimente zu starten finde ich nicht sehr passend. Risikoloses Spiel erhielte Weiß nach dem simplen Sxb7, was ihm eventuell Minimalvorteil einbrächte. 16...Lxc5 17.dxc5 Lg6 18.c6! natürlich ist das der richtige Weg. Nun hat Schwarz ein Problem: Wie kann er sich dieses Bauerns entledigen? Interessanterweise verliert 18...bxc6? nämlich einfach die Qualität und 18...b5?! wirkt auch recht gefährlich. Der Partiezug ist daher sehr stark: 18...Db4! 19.Tc3 bxc6 Jetzt ist der Bauer verhaftet und Schwarz steht angenehm, während Weiß mit 16.g4?! einige Schwächen erzeugt hat. 20.Sxc6 Db7 21.Tac1 Kh8! Wiederum sehr stark gespielt. Dieser Zug musste bereits vor einigen Zügen vorausberechnet werden, da 21...Ta8 ein Zug ist, den man nur mit äußerstem Widerwillen ausführen würde. 22.f3 Tfe8 Was kann man sagen? Die weißen Figuren entfalten eine beträchtliche Aktivität, allerdings sind die schwarzen Figuren auch harmonisch postiert, Schwarz steht solide und Weiß hat sich am Königsflügel bereits etwas gelockert. Alles in allem dürfte Weiß dennoch leichten Vorteil haben. 23.Dd2 Sd7 24.Sa5 Da8 25.Lc7 e5 26.Tc6 d4!


Wieder ein starker Zug. Bei uns beiden wurde die Bedenkzeit bereits recht knapp und da ist dieser Zug besonders stark. Sollte sich Weiß nun zu 27.exd4 erkühnen, folgt e4! wonach die schwarzen Figuren aufleben und die weißen Schwächen am Königsflügel, sowie das Kräftevakuum im Zentrum und am Königsflügel ins Gewicht fallen. Der Textzug, der sehr schnell ausgeführt wurde ist daher stark, birgt aber auch seine Schattenseiten. 27.e4! Die folgerichtige Entscheidung, allerdings wird der Bauer d4 auf lange Sicht hin ein ewiges Leiden des Weißen werden und der Rappe wird sich wie ein Krake auf f4 breit machen. Kurzum: Momentan sollte Weiß das Gleichgewicht halten können, aber sämtliche Endspiele könnten den Nachziehenden bevorzugen. 27...f6 28.Dd3 Da7?! Aber das ist falsch. Besser war das solide Sb8 und sehen was sich ergibt. 29.b4 dies sichert Weiß einigen Vorteil. 29...Ta8?! auch das ist schlecht, allerdings beginnt langsam auch mein Gegner zu straucheln. Zeitnot eben! 30.Kg2?! er macht einfach einen neutralen Zug, viel besser war 30.a4, was nicht rosig für Schwarz aussieht. 30...Sf8 31.Dc4 Te7 32.Lb6 Db8 33.Lb6 Da7 keine Experimente, allerdings hätte Schwarz nach De8!? vielleicht sogar mit Vorteil rechnen können
34.Ld6 spielt auf Sieg. 34...Lf7? Ein dicker Bock 35.Dc5? Erwidert das Geschenk. Dxa6 +/- lag auf der Hand, entging uns aber in der Hitze des Gefechts. 35...Se6 36.Dxa7 Texa7 37.Tc8+ Lg8 hielt ich für erzwungen, doch der Silikonkopf beweist, dass auch 37...Txc8 spielbar war. Die Pointe besteht in 38.Txc8+ Lg8 39.Sc6?? d3!-+. Aber wer hätte mit wenigen Sekunden nicht das scheinbar für Weiß gewinnende Sc6 gezogen? Hätte ich so den Sieg erringen können?! 38.Kf1 h6?! Natürlich kein Fehler, aber Txc8 39.Txc8 Td7 hätte Vorteil versprochen. 39.a4 Kh7 40.Txa8 Txa8 Geschafft! :-) 41. Sc6 Tc8 mit Remisgebot 42.Ke1 abgelehnt! Sf4 überraschenderweise ist dies ungenau. Ausgerechnet das merkwürdig anmutende 42...Sg5!? 43.b5 d3! hätte Schwarz beträchtlichen Vorteil eingeräumt. Aber wer spielt Sg5, wenn er nach f4 kann? 43.Kd2 Lb3 44.a5? er überzieht es. Sxd4 Txc1 Kxc1 Lxa4 wäre natürlich totremis, nun aber sollte Schwarz gewinnen.




 44...g5?? mal wieder ein Blackout in einfacher Stellung. 43...Lb3 war mit der Idee La4 verbunden, aber ich ziehe es nicht, da mir plötzlich 44.Sxd4 auffiel. Es ist schier unglaublich, dass ich darauf die Riposte Td8 übersah, wonach Schwarz sofort gewinnt. Auch die Alternativen sind schlecht für Weiß, da Schwarz auf b5 blockiert und die aktiven Figuren den Tag entscheiden sollten. 44...g5 hatte zum Einen die Idee den Sf4 zu decken, was Sxd4 verbietet und zum anderen f4 zu unterbinden, was ich nach Ideen wie 44...Sd3/Se2 45.KxS La4 fürchtete. 44...g5 erlaubt allerdings 45.b5 wonach Schwarz objektiv verloren sein sollte.
45...axb5 46.a6 Ta8 47.a7 Sg2 48.Lb8 das Blatt hat sich völlig gewandelt und Weiß hat alle Trümpfe in der Hand. Allerdings begann die Zeit nun bereits wieder auf ein Minimum zusammenzuschrumpfen, was einen spannenden Verlauf garantierte. 48...Se3 49.Sb4 Sc4+ 50.Ke2 Se3 51.Tc7+ Kg8 52.Tb7 Lc4+ 53.Kd2 Sf1+ 54.Ke1 d3 auch ich spiele meinen Trumpf aus und beschäftige den Anziehenden somit noch ein Weilchen. 55.Td7 d2+ 56. Kf2 Lb3 und hier endet meine Notation, der mitschreibende Schiri konnte den raschen Geschehnissen am Brett nicht folgen, somit bleibt der Rest schleierhaft. Aus dem Gedächtnis konnte ich noch 57.Kxf1 d1=D+ 58.Txd1 Lxd1 59.Kf2 La4 rekonstruieren. In der Folge opferte ich meinen Turm für Läufer und Bauer, während der Springer meinen Königsflügel rasierte und mein Läufer bis auf den h-Bauern alles wegboxte. Beide hatten unter 10 Sekunden und es wurde extrem hektisch. Unterwegs ging dann noch mein Läufer bei einer Springergabel über Bord. Das nächste was ich weiß ist, dass ich bei ihm 0,00 Sekunden sah und wir zeigleich reklamierten. Da wir aber mit elektronischen Uhren spielten, war zweifelsfrei bewiesen, dass ich die Zeit zuerst überschritt. Es hat also an einer einzigen Sekunde gelegen. Unglaublich!! Auch in Runde 7 verlor ich unglücklich gegen den starken Nachwuchsspieler J.-C. Schröder, nachdem auch er eine Remisstellung durch impulsives Vorgehen überzog, ich aber statt der Gewinnfortsetzung eine Verlustvariante wählte....Wenn ich doch endlich mal die Stellungen die da sind auch eintüten würde...
Naja, AWG alles wird gut, vielleicht schon diese Woche in Haßloch :)


Mittwoch, 11. April 2012

Neckar-Open 2012

Nach einer längeren Pause melde ich mal wieder zurück. Vom 05.-09.04.2012 spielte ich das in Deizisau befindliche Neckar-Open, welches traditionell stark besetzt war. Am Ende siegte GM Istratescu mit 7,5 Zählern nach Feinwertung vor GM Shanava. Bei mir lief es leider durchwachsen. Gegen Schwächere spielte ich eigentlich gut, gegen Stärkere (2 IMs,2 FMs) war ich teilweise völlig von der Rolle. So verpatzte ich beispielsweise meine more or less Gewinnstellung gegen IM Zeller noch zum Verlust. Die restlichen Niederlagen resultieren aus dem Duell Winterberg-Schweiz, das ich leider 0-3 verloren geben musste. So war mein erster Schweizer ein junger FM. Meine Vorbereitung kam aufs Brett, doch dummerweise vergaß ich im Ragozin im 16. Zug meine Vorbereitung, vergaß einen Zug und erhielt eine freudlose Stellung. Der 2. schweizer FM brauchte mich gar nicht schlagen, das tat ich selbst, aber dazu später mehr. In Runde 9 wurde mir dann auch noch ein schweizer IM zugelost. Ich kam mit seinem Eigenbau nicht klar, stand schlechter, verteidigte mich nicht ideal und verlor. Bevor ich aber auf die Gurke des Turniers eingehe, zunächst eine gute Partie: Ich entschied mich meine Drittrundenpartie gegen einen Gegner mit ca. 2000 zu präsentieren. OK, ist nicht gerade viel, dennoch fand ich mein Spiel recht gefällig.
Osmanovic-Winterberg:
1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 a6 5.Sc3 d6 6.Le2 Sf6 natürlich möglich, 6...b5!? ist aber eine respektable Alternative 7.0-0 Le7 8.Le3 Dc7 9.a4 0-0 10.0-0 b6 11.Lf3 Lb7 12.Kh1 Sbd7 13.f5?! eine schlechte Entscheidung, Weiß sollte die Spannung halten, z.B. 13. De1 mit verteilten Chancen.
13...e5 14.Sb3 Tfd8 der typische Plan. Sollte sich Weiß in der Folge zu g4 erkühnen, folgt der programmatische Zentraldolchstoß d5! und Weiß ist in Nöten. 15. a5 gefällt mir nicht, warum soll er mir b5 erlauben? 15...b5 16.Sd2 es zeichnet sich planloses Spiel ab, was kein Wunder ist, wenn g4 gefährlich zu sein scheint. Es folgt ein Spiel auf ein Tor, mit bösem Ende für Weiß. 16...Tac8 17.De2 Db8!? (?!) Interessant, aber ungenau, da ein sofortiges b4 18.Sa2 d5 19.exd5 Dxc2! Weiß bereits vor große Probleme gestellt hätte. Aber auch das logische Db8 sollte einigen Vorteil und eine sehr angenehme Stellung behalten. 18.Tfc1? Der beste Versuch war wohl 18. Dd3!?, wonach Weiß noch mitmischt. 18...Da8 19.Lg1 b4 20. Sa4 d5! da ist endlich der Hebel. Weiß hat große Probleme.


21. exd5 Sxd5 22.Lxd5 Lxd5 23.Lb6? Das scheitert an einer kleinen Kombi. Beachtung verdiente 23.c4!?, wonach der Nachteil immernoch im Rahmen bliebe. 23...Sxb6 24.Sxb6 Lxg2+! 25.Dxg2 Dxg2+ 26.Kxg2 Txd2+ 27.Kg3 Tc6!? für die Galerie gespielt. Natürlich sprach nichts gegen Tcxc2, aber ich sah, dass der Bauer mir ohnehin nicht wegrennt, weshalb ich einen Angriff auf den weißen Monarchen zu inszenieren versuchte. 28.c4 bxc3 Schade, hier hätte ich meinen 27. Zug mit 28...Th6! rechtfertigen können, mit der Idee, dass auf 29. Th1 e4! mit Gewinn folgt, aber natürlich verdirbt auch bxc3 nichts. 29.Txc3 Txc3 30.bxc3 Td3+ 31.Kg2 Txc3 32.Td1 h5 33.Td7 Lb4 34.Sd5 Tc2+ 35.Kf3 Lxa5 36.Ta7 Txh2 37.Txa6 Le1 38.Ta8+ Kh7 39.Ta7 Td1 40.Ke4 h4 stellt eine Falle, in die Weiß auch prompt reintappt und damit seinen Untergang beschleunigt. 41. Txf7? Txd5!

Was folgt ist Agonie: 42.f6 Kg6 43.Tf8 Td6 44.fxg7 Kxg7 45.Tf3 Lg3 46.Tb3 Kg6 47.Tb8 Td4+ 48.Ke3 Kf5 49.Tf8+ Kg4 50.Tg8+ Kh3 51.Kf3 Tf4+ 52.Ke3 Kg2 53.Tg5 h3 und kaum zu glauben, mein Gegner wollte sich nicht mattsetzen lassen, sondern gab hier tatsächlich auf. 0-1

Nun werde ich die debakulöse Partie aus Runde 7 präsentieren. Man kann sagen, jedes Mal, wenn ich mich wieder an Brett 40-50 vorkämpfte, kam ein Schweizer und schubste mich wieder in die Mediokrität zurück. So auch in Runde 7:
FM Gähler-Winterberg:
1.e4 c5 2.Sc3 d6 3.Sge2 g6 Drachen? 4.g3 Nein! Lg7 5.Lg2 e5 6.d3 Se7 7.h4!? Dass mein junger Gegner eine Affinität für h-Bauern-Märsche hat, zeigte er auch in Runde 9...dort verzichtete er gar ganz auf die Rochade. 7...h5 8.Lg5 f6 9.Le3 Sbc6 10.Dd2 Le6 11.Sd5 Sd4 12.Sxe7 Dxe7 13.c3 Sxe2 14.Dxe2 Dd7 angesichts meines nächsten Zug ein saudämlich vorbereiteter Selbstfaller allererster Kajüte. 15.d4+/= und nun entkorkte ich 15...Tc8?? nach ca. 15 min. "Denkleistung" und stand zufrieden auf. 16.0-0 würde sich nämlich wegen cxd4 nebst Lc4 verbieten, und auch ansonsten steht Schwarz sehr befriedigend, wäre da nicht 16.d5 +-.




 Als ich ans Brett zurückkam traute ich meinen Augen nicht. Was zur Hölle habe ich bloß angerichtet? Ich starrte einige Zeit versteinert aufs Brett, fand mich mit meinem Schicksal ab, und spielte mit 16...Lf7 noch etwas weiter, um die Partie noch etwas künstlich in die Länge zu ziehen. 17.Lh3 f5 18.Dc2 De7 19. 0-0-0 Td8 20.exf5 Df6 21.Lg5 Lh6 22.f4 Lxg5 23.hxg5 Dg7 24.f6 Dh7 25.Da4+ Kf8 26.Dxa7 Le8 27.Db6 und allerhöchste Eisenbahn aufzugeben. 1-0


Sonntag, 29. Januar 2012

Haken und Ösen

Heute war wieder ein Ligaspiel angesagt, das wir auch souverän mit 6:2 gewannen. Ich hatte es an  Brett 2 mit dem erfahrenen, grundsolide spielenden, Helmut Freise zu tun. Ihn mit Schwarz zu bezwingen, keine leichte Aufgabe! Doch habe ich ein gutes Gespür, welche Eröffnungen ich gegen welche Gegner anwenden sollte. Auch dieses Mal sollte ich mit meiner Eröffnungswahl, dem kämpferischen und komplizierten _Leningrader_System_  richtig liegen. Kurzum: Ich zockte die ersten 18 Züge in 4 min. runter, während mein Widerpart über eine Stunde brauchte. Vorbereitung ist das halbe Leben :-). Da mein Gegner die Theorie aber ab Zug 9 nicht mehr kannte, muss man anerkennend sagen, dass er sehr gut improvisiert hat und selbst den 10. Zug, den nicht jeder ziehen würde, gefunden hat. Nach einer dubiosen Entscheidung im 13. Zug bekam ich allerdings schon die Initiative, die ich allerdings im 30. Zug durch einen Selbstfaller in eine Verluststellung verwandelte. Den technischen Part spielte mein Gegner wiederum äußerst präzise und meine zahlreichen Schwindelversuche schlug er ab. Schade! Aber nun die Partie:

1.d4 g6 2.Sf3 Lg7 3.c4 f5 und plötzlich sind wir im Holländer, durch diese Zugfolge habe ich die "Killer"-Varianten umschifft, die bei 1.d4 f5 dem Schwarzen Kummer bereiten könnten. 4.g3 Sf6 5.Lg2 0-0
6.0-0 d6 7.Sc3 De8 Der zuverlässigste Zug 7...Sc6 ist in meinen Augen eine weniger bequeme Alternative, die Weiß in Vorteil bringt. Eine Alternative ist aber 7...c6 8.b3 Eine Nebenvariante, bei der Weiß auf keinen großen Vorteil zu hoffen braucht. Am ambitioniertesten und aggressivsten gilt 8.Sd5!? 8...e5!? Eine von vielen Möglichkeiten, die als OK für Schwaerz gelten. e5 ist sehr direkt und entspricht meinem Stil vollkommen. 9.dxe5 dxe5 10.e4! Sehr gut improvisiert. Ohne die Variante zu kennen auf solche Züge zu kommen zeugt von Spielverständnis. Ich hingegen durfte ihm weiterhin meine häusliche Analyse um die Ohren hauen. 10...Sc6 11.Sd5 Dd7 12.La3 Te8 Es ist schwer zu sagen, wo der Turm besser steht, jedenfalls wurden sowohl Te8 als auch Td8 schon gespielt. 13.Sxf6+?! Folgt unbewusst GM Gerry Hertneck. Vorzuziehen ist jedoch 14.exf5 was unter Anderem schon von GM Pinter und GM Magerramov gespielt wurde. Nach dem Textzug ist Schwarz bereits am Ruder, nicht zuletzt aufgrund der Schwäche des Punktes d4. 13...Lxf6 14. Dxd7N Eine Neuerung...in den beiden Vorgängerpartien wurde Dd5+ gegeben.Während Onischuk Ross überzeugend mit Schwarz schlug, machte GM Hertneck schnell Remis mit Yrjola.
14...Lxd7 15.Tad1 Tad8 16.Lh3 Le6 17. Tfe1 Txd1 18.Txd1 fxe4 19.Lxe6+ Txe6 20.Sd2 e3 21.fxe3 e4! Der schwarze Vorteil ist apparent und Weiß ist aus der Eröffnung heraus strategisch total überspielt worden. Der Rest ist doch eigentlich Formsache und ein Spiel auf ein Tor, oder? Prinzipiell ja, wenn ich mit Schwarz spiele, nein!

22.Kf2 h5!? Mein Plan ist es, gemütlich am Königsflügel aufzumarschieren, Weiß hat ohnehin kein Gegenspiel.
23.Ke2 g5 24.Tf1 Kg7 25.Tf5 Kg6 26.Tb5 b6 27.Td5 Se5?! Doch dies ist eine Ungenauigkeit. Das trockene 27...Sb8! lässt Schwarz beträchtlichen Vorteil und es ist schwer Weiß einen guten Rat zu geben und noch schwieriger die Stellung auf Dauer zu verteidigen. 28.Sxe4! Sxc4 29. bxc4 Txe4 Nun ist der Vorteil zusammengeschrumpft, was nun folgt ist ein folgenschwerer Irrtum, der daherrührt, dass ich das weiße Maneuver übersehen habe. Leider ist die Stellung plötzlich sogar hoffnungslos verloren. 30. Kd3 Tg4??
31. Lb4!


Schöne Bescherung, jetzt erst wurde mir klar, was ich angerichtet habe. Verständlich, dass ich mich hier bereits sehr unwohl fühlte. 31...h4 32.Le1 hxg3 33.hxg3 Le7 34.e4 Ld6 35. Txd6! Ich dachte eigentlich, dass das nicht geht. Berechnet hatte ich z.B. 35.Ke3 Lxg3 36.Kf3 Tf4+ 37.Kxg3 Txe4 mit 3 Bauern für die Figur, was sogar besser für Schwarz ist. 35...cxd6 36.Ke3 b5! 37.Kf3 Kh5 Darauf verließ ich mich, doch es kam 38.Lb4!! Autsch! Auch das 2.Lb4 ist mir entgangen. Nach diesem schrecklich starken Zug ist alles vorbei.

38...bxc4 39.Lxd6 c3 40.a4 c2 41.La3 Txe4 42.Kxe4 Kg4 43. Lc1 Alles läuft wie am Schnürchen...
43...Kxg3 44.Lxg5 Kg4 45.Lc1 Kh5 46.a5 Kg6 47.Kd5 Kf7 48.Kc6 Ke7 49.Kb7 Kd7 50.Lf4 Kd8 51.Kxa7 Kc8 52.a6 c1=D 53.Lxc1 Kc7 54.Lf4+ 1-0

In meinen Augen eine interessante Partie mit vielen interessanten Momenten, auch wenn mein Gegner schlussendlich das bessere Ende für sich hatte.