Mittwoch, 19. April 2017

Von Schachpilgern und Ikonen

Hallo Schachfreunde,

letzte Woche war es wieder soweit. Schachspieler von nah und fern folgten dem Ruf ihres Herzens und pilgerten zu Ostern nach Karlsruhe um in religiösem Eifer dem Schachsport zu frönen. Dabei galt es möglich wenige Ostereier - auch bekannt als Null in der Ergebnistabelle- zu sammeln. Seit das Turnier letztes Jahr von Deizisau nach Karlsruhe umgezogen ist, konnte ein enormer Teilnehmeranstieg verbucht werden. Dies liegt nicht zuletzt an dem saftigen, aufgestockten Preisfond für den der Sponsor, der Vorstandsvorsitzende der Grenke Gruppe, Sorge trägt. Dieses Jahr wurden alle Rekorde gesprengt, das Grenke Open ist zum größten Schach-Open der Welt avanciert. Rechnet man die Teilnehmer der drei ratingbeschränkten Turniere zusammen, kommt man auf über 1200 Spieler...manche Bekannte hat man erst am fünften und letzten Spieltag ausfindig gemacht.

Abgesehen von dem an der Spitze durchaus hochklassigen Open, wurden die ersten drei Runden der Grenke Chess Classics am Osterwochenende ausgetragen. Dort geben sich in einem Rundenturnier Spieler wie Caruana, Carlsen, MVL und Aronian die Ehre. Karlsruhe ist damit endgültig zur Pilgerstätte mutiert, viele eilten herbei um den halbgottgleichen Götzenfiguren auf der Bühne die Ehre zu erweisen.

Wie nicht anders zu erwarten, war es für uns Normalsterbliche schwer sich im oberen Tabellendrittel zu etablieren. Selbst namhafte Großmeister konnte man des Öfteren an Brettern jenseits der 70 vorfinden. Mit 5,5/9 belegte ich am Ende den 162. Tabellenplatz, was eine Verschlechterung meines Setzlistenplatzes bedeutet.

Trotz des schlechten Ergebnisses und -9 Elopunkten bin ich nicht gänzlich unzufrieden mit meinem Spiel. Drei der neun Partien waren von A-Z peinlich, aber das kenne ich ja nicht anders von mir. Hinzu kommen kapitale Böcke, die ich in Gewinnstellungen geschossen habe, um diese in der mir eigenen dilettanischen Manier in Remis-/Verluststellungen zu transformieren. Dies wiederum lag in erster Linie an meinem schlechten Timemanagement. Es ist schon eine Weile her, dass ich ohne Inkrement gespielt habe und ich brauchte eine Weile, um mich an die klassische Bedenkzeit zu gewöhnen.

Doch wo Schatten ist, da ist auch Licht. Zufrieden bin ich mit meiner Variantenberechnung und dem "taktischen Auge". In der Vorausberechnung gelang es mir oft taktische Nuancen herauszuarbeiten und diese in den Plan mit einzubinden. Für einen billigen Taktiker wie mich ist das tatsächlich ein Fortschritt. Ein paar interessante Momente werde ich im Folgenden kommentieren:


                                                      Winterberg - GM Moussard (2571)

1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.c4 d6 4.Sc3 Sf6 5.Le2 0-0 6.Sf3 e5 7.0-0 Sc6 8.d5 Se7 9.Se1 Sd7 10.Sd3 f5 11.f3 f4 12.Ld2 g5 13.Tc1 Sg6 14.c5 Sf6 15.cxd6 cxd6 16.Sb5 Tf7 17.Dc2 Se8 18.a4 h5 19.Sf2 Zu all diesen Zügen sei gesagt, dass es sich dabei um eine theoretische Variante handelt. Allerdings befürchte ich, dass Weiß zukünftig nicht mehr so spielen kann. Der Partieverlauf wird aufzeigen, weshalb ich ob der weißen Chancen so pessimistisch gestimmt bin.  19...Ld7!? ein interessanter Zug, der Sxa7 ein für alle Mal aus der Stellung nimmt. In der Folge werde ich das Maximale aus meiner Stellung rausholen. Leider scheint das nicht auszureichen.  20.Db3 Lf8  zu weißem Vorteil hätte das direkte 20...g4 21.fxg4 hxg4 22.Sxg4 Lxg4 23.Lxg4 Db6+ 24.Kh1 a6 25.Le6 geführt.   21.Tc3!








Dieser Zug verfolgt drei verschiedene Ziele. Zunächst bereitet Weiß die Verdopplung auf der c-Linie vor. Doch wieso Tc3 und nicht Tc2? Tc3 hat zwei Vorteile gegenüber Tc2. Erstens ist die Db3 gedeckt, was Db6-a6 Motive aus der Stellung nimmt und zweitens leistet der Turm entlang der dritten Reihe gute Verteidigungsarbeit. Sollte Schwarz irgendwann g4 durchdrücken, wird der Turm Aktivität entlang der dritten Reihe entfalten können. Was kann ein Zug mehr leisten? 21...a6 gibt dem Springer die Sporen, schwächt allerdings auch das Feld b6. Es beginnt ein Wettrennen bei dem es so scheint, als wäre der Nachziehende einen Tick schneller.  22.Sa3 Sf6 23.h3 Sh4 24.Tfc1 Tg7 25.Dd1 Weiß mobilisiert alle Kräfte um den Vorstoß g4 zu unterbinden. Eine Faustregel in solchen Strukturen lautet, dass Weiß im höheren Sinne bereits auf Gewinn steht, sollte Schwarz den angestrebten Vorstoß g4, auf den er sein gesamten Spiel ausrichtet, nicht realisieren können.  25...De8 26.a5 Dg6 27.Le1! wiederum umsichtig gespielt. Nun wackelt der Sh4 27...Le7 28.Sc4 Weiß droht mit Sb6 den Stolz der schwarzen Stellung, den weißfeldrigen Läufer, abzutauschen. Wird Schwarz jemals g4 durchsetzen können?...   28...Tf8 29.Sb6 ...leider braucht er das nicht. Wir erreichen den kritischen Punkt in dieser Partie. Man kann sich mit Weiß nicht besser aufbauen als ich es getan habe. Alle Figuren haben ihre idealen Felder besetzt und trotzdem bricht die Stellung auseinander, daher befürchte ich, dass das weiße Konzept widerlegt ist.








29...g4 30.fxg4 hxg4? Rechtfertigt die weiße Strategie. Im Königsinder muss man stets dazu bereit sein, brachiale Methoden anzuwenden. In diesem Moment hätten diese Anwendung finden können, gar müssen. Nach 30...Lxg4! hätten Weiß harte Zeiten bevorgestanden, man sehe z.B. 31.hxg4 Sxg2! wer zählt schon die Figuren? 32.Kxg2 hxg4 und obwohl Weiß zwei Figuren mehr hat, bevorzugt die Engine Schwarz...kein gutes Zeichen. Aber wo lag der weiße Fehler? Schwer zu sagen, ich vermute, dass das gesamte System nicht spielbar ist.  31.Sxd7 gxh3 Schwarz kann sich nicht den Luxus leisten auf d7 zu schlagen, da er seines Rammbocks in Form des Bauern g4 verlustig ginge. 32.Sxf6+ Txf6 Was nun folgte lässt sich schwer in Worte fassen. Vor einigen Zügen hatte ich vorausberechnet, dass sowohl Sg4 als auch Lg4 den schwarzen Angriff zuverlässig zum Erliegen bringen und somit die Partie gewinnen sollten. Ich hatte noch reichlich Zeit auf der Uhr und gönnte mir den Luxus den besten Zug zu ermitteln. Dabei stieß ich auf kleinere Probleme, z.B. 33.Lg4 Sxg2 mit der Drohung Se3. Zwar sah ich noch 34.Ld2 aber irgendwie beunruhigte mich der Sg2 etwas. Im Falle von 33.Sg4 hätte man 33...Sxg2 34.Lf2! finden müssen. Laut Engine ist Sg4 deutlich stärker, ich hätte mich aber höchstwahrscheinlich für 33.Lg4 entschieden. Stattdessen kam alles anders...Ich hatte mir eingeredet Abstand von derartigem Scheuklappen-Denken zu nehmen und unvoreingenommen nach weiteren Alternativen zu suchen. Und in der Tat fand ich eine dritte Möglichkeit und das Schicksal nahm seinen Lauf.  33.g4??













Das ist möglicherweise der gröbste Fehler, der mir je unterlaufen ist. Zwei Fragezeichen wirken fast geschmeichelt. Als ich diesen unsäglichen Zug ausführte, war ich mir sicher glatt auf Gewinn zu stehen. Ich erwartete eine baldige Aufgabe.  33...Sg2 führt nun zu nichts, da Schwarz nach 34.Txh3 Se3 ohnehin nicht auf g4 zu schlagen droht. Auch nach 33...f3 34.Lf1 versiegt die schwarze Initiative... und nach der Partiefortsetzung 33...fxg3 e.p.  wollte ich einfach auf h3 schlagen. Der Bauer g3 verstopft die g-Linie und ich werde ihn zeitnah mit Txg3 abholen. Das schreckliche Übersehen, welches mir dabei unterlief besteht in 34.Sxh3 Dxe4! dieser Bauer ist nicht mehr gedeckt und matt auf g2 ist nicht mehr zu vermeiden. Ich versuchte noch 34.Tc8+ Lf8 35.Sg4 h2+ 36.Kh1 Tf1+ mit Matt.  Ausgesprochen schmerzhaft aber c'ést la vie. Für meinen Gegner muss es sich angefühlt haben wie Ostern und Weihnachten noch dazu. Es sollte nicht die letzte Partie sein, in der ich den Gewinn verzockt habe.


Zum Abschluss noch eine Partie, die meine taktischen Fähigkeiten in einem besseren Licht zeigt.

                                                              Kitze (2191) - Winterberg

1.e4 c6! Ich habe dieser Eröffnung mehr als 10 Jahre lang Unrecht getan, in diesem Turnier wendete ich sie zum ersten Mal an. In den drei Partien erzielte ich 2,5 Punkte, in der dritten warf ich eine Stellung weg, in der die Engine forciert matt angibt...   2.d4 d5 3.Sd2 dxe4 4.Sxe4 Lf5 5.Sg3 Lg6 6.h4 h6 7.Sf3 Sd7 8.h5 Lh7 9.Ld3 Lxd3 10.Dxd3 e6 11.Ld2 Sgf6 12.000 Le7 13.Kb1 Db6!? eine Nebenvariante, die m.E. unterschätzt wird. 13...00 erscheint mir tatsächlich recht riskant, der Partiezug hingegen punktet nicht nur in der Praxis gut, sondern scheint mir auch zu durchaus vernünftigen Stellungen zu führen. 14.Se4 Td8 15.c4 offen gestanden, bin ich nicht von dieser Vorgehensweise überzeugt. c4 ist sehr verbindlich, da Bauern nicht zurückziehen können. Der Bauer könnte daher später als Angriffsobjekt dienen und die weiße Königsstellung schwächen. 15...00 16.Lc3 c5 17.Sxf6+ Lxf6 18.De3 ich hatte auf 18.g4 gehofft, auf das ich 18...e5! geplant hatte. Die taktische Rechtfertigung besteht in 19.d5 e4 wenn Weiß eine Figur einbüßt. Die einzige Möglichkeit für Weiß ist wohl 19.Dd2 worauf ich 19...cxd4!? plante (die Engine schlägt 19...De6 vor, was vermutlich noch stärker ist). Auf 20.La5 wollte ich 20...Dc6 21.Lxd8 Txd8 22.De2 d3 23.De3 d4 spielen mit überwältigendem Spiel für das kleine Materialdefizit.
18...Da6 und schon wird auf c4 gepocht. 19.b3?! lockert die Stellung noch weiter. Vernünftiger wäre wohl 19.De2 gewesen.  19...b5 20.cxb5 Dxb5 21.d5 hier dachte ich etwas länger nach. Am logischsten erscheint 21...exd5 nebst 22...Tfe8 wonach Schwarz den Turm mit Tempo ins Spiel einschaltet. Doch dann fand ich eine taktische Idee, die danach verlangt hat gespielt zu werden.
21...Lxc3 22.Dxc3 exd5 23.Txd5 Sb6!











Die taktische Pointe besteht darin, dass Weiß sich nicht auf c5 bedienen kann. 24.Dxc5 würde an Txd5 scheitern und 24.Txc5 verbietet sich aufgrund des wunderschönen geometrischen Motivs 24...Sa4. Ich brauchte einige Minuten, um diese Möglichkeit in der Vorausberechnung zu erfassen.
24.Te5 diese Möglichkeit habe ich leider total unterschätzt. Ich dachte, dass Weiß im Angriff untergeht, sollte er nicht auf c5 nehmen können. Allerdings verhindert der Turm von e5 aus den Vorstoß c4 und dieser wird auch im Folgenden nicht leicht zu realisieren sein. 24...Sd5 erneut nach längerem Nachdenken gespielt. 24...Sa4 oder 24...Td3 sehen zwar verlockend aus, führen im Endeffekt aber zu nichts. 25. Dc2? viel besser wäre Weiß mit 25.Dc4 beraten gewesen. Zwar öffnet sich nach 25...Dxc4 26.bxc4 Tb8+ 27.Ka1 Sb4 die b-Linie, doch verhindert 28.Te2 das Matt, wonach Schwarz nur marginal besser steht.  25...a5 26.Ka1 Rfe8? Der einzige Zug in dieser Partie mit dem ich sehr unzufrieden bin. Vorzuziehen war 26...Db6!? was aus der Fesselung entlang der fünften Reihe geht und sich vorbehält die Dame nach f6 zu überführen. 27.Txe8?! erwidert den Gefallen. Besser war 27.The1, ich übersah, dass nach 27...Txe5 28.Sxe5 Db4 der Zug 29.Td1 möglich ist, wonach der Vorteil restlos weg ist. 27...Txe8 28.Tc1 Sb4 hier hatte ich das Partieende bereits vor Augen, dank der freundlichen Mithilfe meines Gegners wird die Partie einem eleganten Ende entgegen geführt. 29.Dxc5 mit einem schlechteren Endspiel hätte sich Weiß nach 29.Dc4 Dxc4 30.Txc4 Te2 beschäftigen dürfen.  29...De2 30.Dxa5 einziger Zug  30...Sd3 31.Tb1 erneut forciert 31...Dxf2 ich war mir sicher, dass die weiße Stellung komplett verloren ist. Der Ka1 steht latent auf matt, der Tb1 behindert mehr, als dass er nützt und Schwarz verfügt über manigfaltige Drohungen, z.B. Te2, Dxg2 oder die Überführung der Dame auf die Diagonale a1-h8. Zu meinem Erstaunen sagt die Engine, dass Schwarz "nur" besser steht nach 32.a4 Mein Respekt gilt dem, der so spielen würde! Ich habe stattdessen nur 32.Dd2 und 32.Dc3 berechnet. 32.Dd2 läuft in 32...Te2-+. Und Dc3 wurde zu meiner großen Freude tatsächlich gespielt.










Ich konnte meine Aufregung am Brett nur schwerlich zurückhalten, ein Adrenalinstoß durchfuhr mich ob des nun folgenden Schlussakkords.

32...Dxa2+! 0-1

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