Donnerstag, 7. Juni 2018

Von Kämpen und Friedefürsten


Hallo Schachfreunde,

der letzte Beitrag liegt eine ganze Weile zurück. Dies hat ein gerüttelt Maß an Gründen, mit denen ich euch an dieser Stelle nicht zu langweilen gedenke. Seit meinem letzten Lebenszeichen hat sich so manches in der Schachwelt getan. Caruana gewann das Kandidatenturnier, was ihm das Recht einräumt, im Herbst gegen Carlsen um die WM-Krone zu kämpfen. Alle weiteren Meldungen erscheinen null und nichtig verglichen mit dieser.

Bei mir läuft es seit einiger Zeit ziemlich unrund. Neben dilettantischen Darbietungen fehlt zudem noch das nötige Quäntchen Glück. Ich war nie jemand, der Niederlagen auf Pech abgewälzt hat, jüngste Ereignisse lassen sich allerdings kaum in anderen Worten widergeben.

Im Folgenden werde ich zwei Partien komplett vorstellen und abschließend ein Potpourri an interessanten Stellungen präsentieren, in welchen ich allesamt den Kürzeren zog.


Winterberg - Michels,F. (Nickenich, 2018)

Diese Partie wurde im Rahmen des RLP-Opens in der ersten Runde gespielt. Erfahrungsgemäß laufen Turniere bei mir schlecht, wenn ich in der ersten Runde problemlos gewinne. Zitterpartien in der ersten Runde haben hingegen oft einen guten Turnierverlauf zur Folge. Daher standen die Zeichen nach dieser Partie nicht wirklich gut, zumindest, wenn man den nötigen Aberglauben nicht vermissen lässt. Leider haben sich die Befürchtungen auch hier wieder bewahrheitet. Doch dazu später mehr.

1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.d5 b5 4.cxb5 a6 5.bxa6 g6 6.Sc3 Lxa6 7.e4 Lxf1 8.Kxf1 Lg7 9.g3 d6 10.Kg2 0-0 11.Sf3 Sbd7 12.a4 Bis hierhin alles nach Schema F. Ich muss gestehen, dass ich gerne gegen Wolgagambit spiele und auch eine gute Bilanz gegen diese Eröffnung habe. 12...Da5?! als die Idee mit 12.a4 aufkam, versuchten es die Nachziehenden zunächst mit dem Partiezug, mussten jedoch nach anhaltenden Misserfolgen zerknirscht einräumen, dass 12...Db6 den Vorzug verdient.
13.Ld2 weist Schwarz freundlich auf die exponierte Stellung der Dame hin. Das Problem ist, dass Sb5 mit Tempo erfolgen wird, was Weiß genügend Zeit verschafft, sich zu konsolidieren. 13...Tfb8 14.Sb5 Db6 15.Dc2 Se8 ein typisches Manöver, um sich die b-Linie freizukämpfen. 16.Ta3!? ein typischer Zug in dieser Struktur. Weiß entfesselt den b-Bauern und behält sich vor, diesen nach vorne zu schieben. Ferner gibt es Ideen den Turm nach b3 zu überführen. Ebenfalls logisch erschien indes 16.Lc3, was den weißen Vorteil auch behauptet hätte.  16...Sc7 17.Sxc7 Dxc7 18.b4 wer "A" sagt, muss auch "B" sagen. Dies ist die Rechtfertigung von Ta3. Weiß löst die Spannung auf und verbleibt mit einem gesunden Mehrbauern. Es ist zwar noch einige Arbeit zu verrichten, am großen weißen Vorteil gibt es aber nichts zu rütteln. 18...Da7 19.Tb1 cxb4 20.Txb4 Sc5 21.Txb8 Txb8 22.Le3 Tb2 23.Dc4 Da5 Schwarz versucht aktiv gegenzuhalten, doch ist diesem Bestreben kein Erfolg beschienen. 24.Lxc5 dxc5 25.Tb3 Txb3 26.Dxb3 Lc3 der Läufer schirmt den Springer sehr effektiv ab. In manchen Szenarien steht Schwarz gar bereit Gegenspiel mit Db4 zu initiieren. Allerdings erwartet den Nachziehenden eine kalte Dusche, die die Partie praktisch auf der Stelle beendet.




27.d6! exd6 28.Sg5 mithilfe des Motivs der Überlastung wickelt Weiß in ein gewonnenes Damenendspiel ab, das ob der gewährleisteten Königssicherheit hoffnungslos für Schwarz ist.
28...c4 29.Dxc4 Dxg5 30.Dc8+ Zwischenzügliches ist zumeist Betrübliches... Kg7 31.Dxc3+. Der Rest ist logisch und bedarf keiner weiteren Kommentare. 31...Kg8 32.a5 Dd8 33.a6 Da8 34.Dd3 Kg7 35.Kg1 h5 36.h4 Kg8 37.Db5 Dxe4 38.Db7 d5 39.a7 De1+ 40.Kg2 De4+ 41.Kh2 1-0



                                           

                                                          Fink,C. - Winterberg (Nickenich, 2018)
Dies ist die Partie der sechsten Runde und Zeit auf den verkorksten Turnierverlauf zu sprechen zu kommen, der sich bereits in Runde 1 abzuzeichnen drohte. Nach 5 Runden standen bei mir lediglich 4 Zähler zu Buche. In Anbetracht der Tatsache, dass alle bisherigen Gegner mehr als 300 Punkte weniger als ich hatten, ist das exakt 1 Punkt zu wenig. Mit dieser Feststellung wird es Zeit etwas näher auf den Titel dieses Beitrags einzugehen. "Von Kämpen und Friedefürsten". Von den drei Remisen, die ich in diesem Turnier konzedieren musste, resultierte lediglich ein einziges aus einer Partie gegen einen Schachspieler, einen echten Kämpfer. Die anderen beiden Partien hatten mit Schach wenig zu tun und zeichneten sich durch das zwanghafte Bestreben meiner deutlich schwächeren Gegner aus, jedwede Spannung aus der Stellung zu saugen und bereits von Zug 1 an den Remishafen anzupeilen. Es gibt fast nichts, was mich dermaßen degoutiert, wie der Schlachtplan, von Beginn an ein Remis abzuklammern, allein weil man nominell unterlegen ist. Ich weigere mich solche Strategen als Schachspieler anzuerkennen. Unverschämte Remisgebote um Zug 20 herum sind meiner Aversion dabei sicherlich nicht zuträglich. Die vorliegende Partie könnte gegensetzlicher kaum sein, da mein Gegner mit offenem Visier kämpfte und mich so an den Rand einer Niederlage brachte.

1.g3 Sf6 2.Lg2 e5 3.c4 wer mich kennt, weiß, dass ich von Astrophysik womöglich mehr verstehe als von der Englischen Eröffnung. Ich unterlag der Illusion, dass mein Mannschaftskollege, ein eingefleischter e4-Spieler, sich auf ein ähnlich überschaubares Wissen berufen kann. Wie sich zeigen wird, fliegen wir beide tatsächlich ohne Kompass durch die Wüste, was zu einer kreativen Stellung führt. 3...c6 4.d4 und hier war ich tatsächlich bereits "out of book". 4...Lb4+ 5.Ld2 Lxd2+ 6.Dxd2 e4 7.Sc3 De7 zu theoretischen Fragen kann ich leider keine Stellung nehmen. Das Einzige, das ich zu sagen vermag, ist, dass meine Engine noch in ihrem Eröffnungsbuch ist. 8.e3 0-0 9.Sge2 d6 welchen Plan ich mit d6  statt dem sofortigen d5 verfolgte, kann ich schwer sagen. Ich glaube es fühlte sich einfach besser an. Das sind die tiefschürfenden Einsichten, die ich in Englisch zum Besten geben kann... 10.h3 Sbd7 11.g4 Der Anziehende ist nicht schüchtern. Es droht bereits g5, wonach der Bauer e4 aus der Verankerung gerissen wird. 11...Sb6 12.b3 d5 13.c5?! der Anziehende  macht deutlich, dass auch er kein großer Experte in diesem Stellungstyp ist. Der Partiezug ist nicht stellungsgemäß und sollte Schwarz keine Probleme bereiten. Der Tausch auf d5 wäre eher im Geiste der Stellung gewesen. 13...Sbd7 14.Sg3 b6 15.cxb6 axb6 16.0-0 La6 17.Tfe1 Dd6 ein ziemlich gestelzter Zug und sicherlich nicht meine erste Wahl. Mein eigentlicher Plan sah es vor, den Sf6 über e8 nach d6 umzugruppieren und anschließend f5 folgen zu lassen. Leider ist dieses Unterfangen zu langsam. Nach 17...Se8 18.f3 exf3 19.Lxf3 Sd6 20.e4 flöge das Zentrum auseinander, wonach die weiße Strategie triumphiert.
18.Sf5?! ebenfalls nicht der Weisheit letzter Schluss. Der Springer leistet nicht viel auf f5, mehr noch, er nimmt den Druck von e4 und sieht sich zudem Angriffen mit g6 ausgeliefert. 18...De6 19.Tac1 Weiß spielt auf taktische Tricks mit Txc6, diese erscheinen allerdings etwas unrealistisch. 19...h5 gießt Öl ins Feuer. Das Spiel wird nun sehr scharf. 20.f3 g6





Hier erwartete ich 21.Sg3 mit der Idee 21...exf3 22.Lxf3 hxg4 23.hxg4 Sxg4 24.e4 mit starkem Druck. Stattdessen folgte das kompromisslose 21.fxe4!?. Da ich keinen forcierten Verlust gefunden habe, geschah das gierige 21...gxf5. 22.exf5 Dd6 23.e4 dxe4 aus der Not geboren. Ich berechnete korrekt, dass 23...Sh7 sehenswert scheitert. Man sehe 24.e5 De7 25.e6 Sb8 (nach 25...Sf6 g5 würde Schwarz überrollt und 25...fxe6 26.Txe6 ist einfach nur schlecht) 26.Sxd5! cxd5 27.Lxd5 mit der Doppeldrohung Lxa8 und exf7. So viel mir auch an Ästhetik liegt, solche Varianten berechne ich ungerne zu eigenen Ungunsten. 24.Dg5+ Dieses Schach führt objektiv betrachtet zu schwarzem Vorteil. Ich erwartete das natürliche 24.Sxe4 und nach 24...Sxe4 25.Lxe4 war ich mir nicht sicher, ob ich zunächst ein Schach auf g3 gebe, oder sofort f6 ziehe. Deutlich stärker als die beiden Ideen erscheint jedoch der Vorschlag der Engine, 25...Sf6!, da nun 26.Txc6 an 26...Sxe4 -+ scheitern würde. 24...Kh7 25.Sxe4 Dxd4+ 26.Kh1 es steht Spitz auf Knopf. Hinzu kommt, dass ich hier bereits in hochgradiger Zeitnot rangierte. Die Hauptdrohung lautet Txc6. Ich geriet zunehmend in Panik und versteifte mich in der Überzeugung trotz Mehrfigur in argen Nöten zu sein. In sotanen Umständen ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich von diesem Moment an nicht die besten Züge fand. 26...Ld3? das sollte verlieren. Dabei war es dieser trickreiche Zug, mit dem ich hoffte, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Der Silikonkopf plädiert für 26...Tae8! mit schwarzem Vorteil. 27.Sxf6+ die Idee von 26...Ld3? offenbart sich nach 27.Tcd1 wenn 27...Txa2 mit der Idee Txg2 geplant war. Es ist halt ein munteres Hauen und Stechen... 27...Sxf6 28.Txc6 Tae8 Bis hierhin hat Weiß alles richtig gemacht doch nun war ein letztes Mal Präzision gefragt.





29.Tee6? Für die Galerie gespielt, objektiv aber ein kapitaler Bock, wenn auch mit Schockeffekt. Den Gewinnzug 29.Td1! übersahen wir beide gleichermaßen. Ich antizipierte naiverweise 29.Tg1 und plante darauf das noch viel schlechtere 29...Sg8??, das nach 30.f6! mehr oder weniger linear verliert. Stattdessen sollte Schwarz das Remis mit 29...Le4 unter Dach und Fach bringen. Nach dem Partiezug 29.Tee6 fiel es mir schwer einen klaren Gedanken zu fassen und in Zeitnot versäumte ich es, die Korrektheit in Frage zu stellen. 29...Txe6! das ist noch richtig. Zum Remis würde 29...fxe6 30.Tc7+ Sd7 31.Dxh5+ Kg8 32.Dg6+ Dg7 33.Dxg7+ Kxg7 34.Txd7+ Kf6 35.Txd3 führen. 30.fxe6 fxe6? und Schwarz knickt ein. Allerdings ist es verzeihlich weder das gewinnbringende 30...Te8! 31.e7 Sg8 32.Dxh5+ Kg7 -/+ noch das noch stärkere 30...Tg8!-+ zu sehen und richtig zu beurteilen. Die Partie fand nach 30...fxe6 31.Tc7+ Sd7 32.De7+ Kh8 33.Txd7 Da1+ ein versöhnliches Ende. So macht Schach Spaß, auch wenn das Ergebnis nicht unbedingt wünschenswert war!


Abschließend noch zwei Stellungen, in denen die weiße Aktivität eine optische Illusion ist und die Beschaffenheit der eines Potemkinschen Dorfes gleichkommt.



                                                        Winterberg - GM Danin (Karlsruhe, 2018)



Weiß hat früh einen Bauern ins Geschäft gesteckt und scheint einen starken Angriff zu genießen. Laut Engine ist die Stellung mit 0,00 zu bewerten. Am Brett war mir das natürlich nicht klar und ich träumte von einem schneidigen Angriffssieg. Leider erkannte ich ein Problem in Form von Df5. Ein Damentausch stand ganz sicher nicht auf meiner Agenda, wollte ich doch mattsetzen. Nach einiger Überlegung entschloss ich mich zu dem brachialen Zug 24.g4? und stand zufrieden auf. Als ich ans Brett zurückkehrte, traute ich meinen Augen kaum. 24...gxh5!!-+ Ein Ausrufezeichen für die Kreativität und die Kaltblütigkeit und eines für die objektive Stärke. Das Problem ist nicht mal, dass Weiß eines weiteren Bauerns verlustig gegangen ist, (weder Turm noch Bauer dürfen aufgrund diverser Überlastungen der Dame schlagen), das eigentliche Problem besteht in der Tatsache, dass auf g4 eine Gabel droht, die Weiß wirklich nicht ignorieren kann. Sämtliche taktische Ideen scheitern, so spielte ich nach 35 min. kleinlaut 25.Tg3 um nach 25...h4 auf verlorenem Posten zu stehen und wenig später das Handtuch zu werfen.


Die nächste Stellung stellt eine Anomalie dar und ist eine der wenigen Fälle, bei denen ich von Pech sprechen würde.

                                                         Winterberg - Barzen (OSW 2018)




Die Diagrammstellung entstand nach den Zügen: 1.c4 Sf6 2.Sc3 e6 3.e4 d5 4.e5 d4 5.exf6 dxc3 6.bxc3 Dxf6 7.d4 Sc6 8.Sf3 e5 9.Lg5 Dg6 10.d5 Sb8 11.h4 h6 12.h5 Db6 13.Le3 Da5 14.Dd2 Ld6 15.Tb1 b6 16.c5 bxc5 17.Tb5 Da4 18.Th4

Insbesondere die Züge 15...b6 und 17...Da4 sind schockierend schlecht und zeugen von keiner Schachkultur. Ein flüchtiger Blick auf die Stellung legt die Annahme nahe, dass Weiß bereits komplett auf Gewinn steht. Die stärkste schwarze Figur ist völlig deplatziert und zudem noch fast gefangen. Überdies ist der Nachziehende völlig unterentwickelt. Weiß hingegen entfaltet eine beträchtliche Aktivität und hat offenbar bisher aktiv und logisch gespielt. Ich bin kein dogmatischer Spieler, doch hier konnte selbst ich mich keines vorschnellen, auf Prinzipien basierenden Urteils erwehren. Die schockierende Wahrheit ist jedoch, dass die schwarze Stellung völlig befriedigend ist. Die beste Chance bestand in 18...e4 19.Db2 Sd7 20.Tb3 0-0 21.Lb5 (21.Ta3? Tb8 22.Dc1 Dxa3! 23.Dxa3 Tb1+ mit Vorteil für Schwarz) Da5 22.Txe4 c6! Weiß gewinnt einen Bauern, die Stellung bleibt aber extrem unklar, da Weiß diverse Bauernschwächen hat, das Rochaderecht verwirkt ist und die Türme, die quer über das Brett fegen, ebenfalls Angriffsziele darstellen. In der Partie entging mir diese Möglichkeit. Ich geriet schnell unter Druck und verlor.


Ich wünsche allen Lesern eine schöne Sommerpause!




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